Jobzufriedenheit in Deutschland

Viele Menschen in Deutschland sind unzufrieden mit ihrem Job. Die jährliche Gallup-Studie zur Mitarbeiterzufriedenheit, die im März 2021 erschienen ist, beschreibt, dass 68% der deutschen Arbeitnehmer nur eine geringe Bindung zum Arbeitgeber haben.

Die Ursachen für diese Unzufriedenheit sind vielfältig. Häufig wird bemängelt, dass die Arbeit zu wenig Herausforderung bietet, dass die Bezahlung nicht stimmt, Stress und Überlastung zum Alltag gehören, die Zusammenarbeit mit Vorgesetzten oder Kollegen zu schwierig ist.

Laut Gallup haben 19% aller deutschen Arbeitnehmer eine innere Kündigung ausgesprochen – sie sind auf der Suche nach einem neuen Job.

Ein anderes Phänomen ist das in letzter Zeit oft beschriebene Silent Quitting. Die Quitter sind nur bereit, die Leistung zu erbringen, die im Arbeitsvertrag festgelegt sind, während der Arbeitgeber weiter in seinen Augen notwendige Überstunden, zusätzliche Aufgaben und ständige Verfügbarkeit erwartet. Seit der Pandemie sind für viele Arbeitnehmer Familie, Freunde und Hobbys mehr in den Fokus gerückt. Es gibt verhärtete Fronten zwischen den Seiten.

Job Crafting kann durch geänderte Aufgabengestaltung und Kommunikation zu einer Entspannung beitragen.

Wenn Aspekte des Jobs nicht zu uns passen, müssen wir uns dann damit abfinden oder den Arbeitsplatz wechseln?

Diese Frage stellen sich viele Menschen, die unzufrieden mit ihrer aktuellen Situation sind. Oft liegt es aber gar nicht am Job an sich, sondern an kleinen Details, die nicht zu uns oder zu unserem Leben passen. In diesem Fall kann es hilfreich sein, den Job „neu zu gestalten“ – eine Methode, die als „job crafting“ bezeichnet wird.

Was ist Job Crafting?

Der Begriff des Job Crafting geht auf die Wissenschaftlerinnen Amy Wrzesniewski und Jane E. Dutton zurück, die sich seit 20 Jahren mit diesem Thema beschäftigen. Sie beschreiben Job Crafting als einen Prozess der Neudefinition und Neugestaltung des Arbeitsplatzes durch die Mitarbeiter auf eine persönlich sinnvolle Weise. Sie gehen davon aus, dass jeder Arbeitnehmer seinen Job innerhalb von gesetzten Grenzen intuitiv anpasst. In Studien haben sie erforscht, welche positiven Ergebnisse die Anpassungen auf Job Crafter haben. 2001 haben sie Interviews mit Reinigungskräften in einem Krankenhaus geführt. Diejenigen, die sich mit den Patienten und ihren Angehörigen während ihrer Arbeit unterhielten, waren wesentlich motivierter und sie haben zusätzliche Tätigkeiten übernommen. Die Putzkräfte, die genau nach Vorschrift ihren Dienst versehen haben, waren tendenziell unzufriedener mit ihrer Arbeitsstelle.

In einer 2007 veröffentlichten Studie beschrieben sie die positiven Einflüsse des Job Crafting auf Köche. Vor dem Job Crafting ging es den Köchen um das qualitativ gute Herstellen von gesunder Nahrung in angemessenen Portionen. Nach dem Job Crafting war es den Köchen wichtig kulinarische Kunstwerke kreativ in hoher Qualität und nach Gesundheitsstandards in angemessener Zeit herzustellen. Das Feedback von Kunden war ihnen wichtiger, die Beziehungen unter den Kollegen hatte sich verbessert, verfügbare Ressourcen wurden besser genutzt, der soziale Zweck gab der Beschäftigung eine neue Bedeutung.

3 Arten des Job Craftings

Ursprünglich ging die proaktive Gestaltung von den Jobinhabern aus. Inzwischen wird das Job Crafting in vielen Firmen von den Führungskräften initiiert.

Es werden drei Arten der Gestaltung unterschieden:

  • Task Crafting: Aufgaben verändern
  • Relational Crafting: Beziehungen verändern
  • Cognitive Crafting: Kognitives Verändern

Das Gestalten von Aufgaben 

Hier geht es darum wer, wann, was, wie und wo erledigt.

Welche Aufgaben mache ich gerne und welche nicht? Zu welcher Zeit kann ich mich am besten konzentrieren? Möchte ich ab und zu im Homeoffice arbeiten, um mir die lange Anfahrt zu ersparen oder um zwischendurch das Kind vom Kindergarten abzuholen?

Liegen mir Buchhaltungsaufgaben und ein Kollege nimmt mir dafür Telefonate ab? Fällt es mir leichter, in 30 Minuten-Blöcken zu arbeiten anstatt eine Aufgabe in 3 Stunden am Stück zu erledigen? Kann ich besser in einem kleinen Einzelbüro konzentriert arbeiten oder brauche ich den direkten Austausch mit Kollegen für Nachfragen? Gibt es Tätigkeiten, die ich in der Freizeit gerne mache und von denen das Unternehmen profitiert – wie zum Beispiel Posts für Social Media erstellen?

Um diese Fragen zu beantworten – oder um sich überhaupt solche Fragen zu stellen – muss ich mich gut kennen. Ein funktionierendes Job Crafting setzt voraus, dass ich mich vorher mit mir und meinen Aufgaben, meinen Vorlieben, meinen Werten … beschäftigt habe.

Beziehungen verändern

Mit wem, wann und wie kannst du sinnvolle Beziehungen am Arbeitsplatz gestalten oder verbessern? Wie kann ein Vorgesetzter die Kommunikation innerhalb seines Teams fördern?

Wie gut kennst du deine Kollegen?

Mit wem möchtest du mehr zusammenarbeiten und mit wem weniger?

Wie vertraut sind dir die Arbeitsabläufe in anderen Abteilungen? Sind dir die Probleme des Kunden oder des Lieferanten bekannt? Oft hilft es, einfach Fragen zu stellen. Das zeigt, dass Interesse besteht, und sorgt im besten Fall für Offenheit in der Kommunikation.

Können die eigenen Arbeitsabläufe zu verbessert werden? Können Anpassungen dem Gegenüber die Arbeit zu erleichtern?

Welche Daten werden tatsächlich benötigt für Materialanforderungen aus dem Lager? Welche Formulare sind zu vereinfachen? Hilft es dem Kunden, wenn er eine Versandbenachrichtigung bekommt? Wie genau muss die Spezifikation bei einer Bestellung sein, um Nachfragen zu vermeiden?

Studien haben belegt: Menschen mit funktionierenden Beziehungen zu anderen Menschen – welcher Art auch immer – sind glücklicher.

Kontakte innerhalb des Unternehmens erleichtern Problemlösungen und fördern Kreativität.

Bedeutung verändern 

Wie kannst du die Sicht auf deine Arbeitsaufgabe oder auf das Unternehmen ändern? Bist du offen für eine neue Sichtweise? Bist du bereit, das Sinnvolle in deiner Arbeit zu sehen und einen größeren Zusammenhang zu erkennen? Was kann durch deine Tätigkeit erreicht werden?

Schichtest du Backsteine übereinander, errichtest du eine Wand oder hilfst du dabei ein Zuhause für eine Familie zu erschaffen?

Die meisten Mitarbeiter sehen mehr Sinn in einer Arbeit, die sie selbst aktiv mitgestalten.

Die Arbeit hat auch Sinn machen, wenn du durch sie bestimmte Ziele erreichst. Sie gibt dir die Möglichkeit, dein Leben zu verbessern und dich weiterzuentwickeln:

Du hast Beziehungen zu Menschen am Arbeitsplatz,

du kann dir Dinge leisten, die dir wertvoll sind,

du kannst Menschen oder Institutionen unterstützen,

du kannst neue Erfahrungen machen …

Vorteile des Job Crafting

Für Arbeitnehmer 

Einer Studie der Uni St. Gallen mit der Barmer fand heraus, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Job-Crafting betreiben, elf Prozent gesünder sind als jene, die es nicht tun.

Job Crafting kann Stress reduzieren, Arbeitsbelastung verringern, Langeweile bei der Arbeit verhindern, Kreativität steigern, die allgemeine Zufriedenheit verbessern, Engagement fördern, das Selbstbewusstsein positiv beeinflussen und die Bindung ans Unternehmen wachsen lassen.

Wenn dadurch eine Kündigung verhindert werden kann, dann vermeidet es eine längere Zeit der Unsicherheit hinsichtlich der beruflichen Zukunft.

Für Führungskräfte 

Job Crafting ist etwas, das sowieso immer an jedem Arbeitsplatz spontan passiert – ohne Information der Vorgesetzten. Jeder Mensch richtet sich seinen Arbeitsplatz so ein, dass der Arbeitsablauf zu ihm passt – möglichst innerhalb vorgegebener Grenzen.

Wenn die Mitarbeiter anreget werden, Job Crafting zu nutzen, und sie Unterstützung erfahren, dann stärkt es das Verhältnis und die Kommunikation untereinander und führt zu mehr Zufriedenheit.

Außerdem sind die Vorgesetzten besser in der Lage ihre Untergebenen zu fördern, da sie durch den Prozess des Job Crafting mehr über die Stärken, Interessen und Vorlieben erfahren.

Für Unternehmen

1. Job Crafting kann die Arbeitszufriedenheit erhöhen

Arbeitnehmer, die ihren Job selbst gestalten dürfen, sind zufriedener mit ihrer Arbeit und stärker engagiert. Sie verbleiben häufiger im Unternehmen und sie haben weniger krankheitsbedingte Ausfallzeiten. Zufriedene Mitarbeiter sind produktiver und leistungsfähiger.

2. Job Crafting kann die Mitarbeiterbindung erhöhen

Wenn Mitarbeiter ihren Job selbst gestalten, fühlen sie sich stärker mit dem Unternehmen verbunden. Sie identifizieren sich mehr mit den Zielen und Werten und sind weniger anfällig für Wechselabsichten. Eine hohe Mitarbeiterbindung ist wichtig, um langfristig erfolgreich zu sein. Dies ist gerade in der heutigen Zeiten mit hohem Fachkräftemangel von Bedeutung: Die p-manent consulting GmbH geht von einer mittleren Dauer bis zur Neubesetzung einer Stelle von 131 Tagen aus mit Kosten von 1,5 Jahresgehältern.

3. Job Crafting kann die Leistung erhöhen

Mitarbeiter, die ihren Job selbst gestalten, fühlen sich stärker motiviert und leistungsfähig. Sie empfinden ihre Arbeit als sinnvoll und erfüllend. Sie sehen größere Potenziale in ihrer Tätigkeit und entwickeln neue Ideen, um die Leistung zu verbessern. Dies fördert den Innovationsgeist im Unternehmen insgesamt. Durch Verbesserung der Abläufe werden Kosten eingespart.

4. Durch mehr Kommunikation wird das Arbeitsklima verbessert. Bessere Bewertungen im Internet und Empfehlungen in den sozialen Medien führen zu mehr Bewerbungen.

Gefahren des Job Craftings

Es gibt einige Artikel, die vor der Gefahr warnen, dass Unternehmensziele durch Job Crafting untergraben werden.

Ich bin der Meinung, dass die Unternehmensleitung ihre Ziele und Werte in alle Richtungen kommunizieren und in jedem Fall für die Einhaltung und Unterstützung dieser Ziele sorgen muss. Die Kommunikation innerhalb des Unternehmens und die Kontrolle durch Zahlen beugt einer Gefährdung der Ziele durch Job Crafting vor.

Fazit

Job Crafting ist eine hervorragende Methode, um mehr Zufriedenheit zu erreichen. Wenn alle bereit sind mitzumachen und miteinander zu kommunizieren, dann profitieren Mitarbeiter, Führungskräfte und Unternehmen davon.

Es benötigt Flexibilität auf allen Ebenen, um über die Methoden und Möglichkeiten aufzuklären, ein Mitmachen anzuregen und die angestrebten Veränderungen schließlich zu realisieren.

Kann Job Crafting für dich eine Alternative zur Kündigung sein?

Hierzu müssen einige Voraussetzungen erfüllt sein:

Du musst dir sehr klar darüber sein, aus welchen Gründen du über eine Kündigung nachdenkst.

Du solltest sicher sein, dass diese Gründe sich mit Job Crafting beseitigen lassen oder zumindest auf ein erträgliches Maß zu reduzieren sind.

Das Unternehmen und dein Vorgesetzter müssen offen für Veränderung sein und bereit zur Zusammenarbeit.

Die Kollegen müssen mit der Job-Veränderung positiv gegenüberstehen.

Du solltest über ein ausreichendes Maß an Selbstvertrauen und Eigeninitiative verfügen, um den Veränderungsprozess anzustoßen und zu begleiten.

Es lohnt sich auf jeden Fall, die Chancen auszuloten.

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